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Das Leinen-Heft am Küchentisch: Wie ich in der Altersteilzeit meinen Rhythmus mit dem Zahlen-Code fand

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Leinen-Heft und Bleistift auf dem Küchentisch in der Ostengasse, Symbolbild für Zahlen-Code Altersteilzeit Alltag in Regensburg
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Der Bleistift kratzt ein zweites Mal über den Leineneinband, während ich die Sieben nachzeichne – die erste Linie war mir zu krumm geraten. Zwei Ziffern addiert, quer subtrahiert, und trotzdem stimmt das Ergebnis nicht mit dem überein, was ich vor einer Stunde schon einmal notiert hatte. Seit ich mich mit Rosina Kaisers Zahlen-Code beschäftige, passiert mir das öfter, als ich am Anfang der Altersteilzeit zugeben wollte: Ich verrechne mich, mitten am Küchentisch in der Ostengasse, mitten in der Regensburger Altstadt.

Marianne, meine alte Studienfreundin aus Augsburg, hat mir vor einiger Zeit Rosina Kaisers Zahlen-Code in die Hand gedrückt, mit den Worten, es sei etwas Kleines für den Sonntag. Seitdem sitze ich an genau diesen Sonntagen mit Bleistift und Leinen-Heft hier oben im zweiten Stock. Beim allerersten Mal, als ich eine Tageszahl ausgerechnet habe, saß ich fast eine halbe Stunde über einer einzigen Quersumme und habe mich am Ende gefragt, ob ich es überhaupt richtig gemacht habe.

Innere Ruhe stärken durch mein Sonntagsjournal in der Regensburger Altstadt bedeutet für mich vor allem, ohne Bildschirm auszukommen. Mein alter Lehrerinnen-Instinkt wollte anfangs zwar ein eindeutiges Ergebnis sehen, so wie eine Klassenarbeit entweder richtig oder falsch ist – dieses Muster, Perfektionismus ablegen als Lehrerin durch mein Sonntagsjournal mit Zahlen-Code, kenne ich gut, aber genau deshalb bleibe ich beim Papier: Ein falsches Ergebnis auf Papier kann ich durchstreichen und sehen, wo der Fehler saß. Ein Programm zeigt mir nur das fertige Ergebnis.

Nahaufnahme einer Hand, die mit Bleistift eine Zahlen-Code Berechnung ins Leinen-Heft einträgt, Altersteilzeit Sonntagsritual in Regensburg

Papier gegen Bildschirm: zwei Wege durchs Sonntagsritual mit dem Zahlen-Code

Zwei Wege führen inzwischen zu denselben Zahlen. Der eine liegt vor mir auf dem Tisch: ein Leineneinband, eine Füllfeder, ein Bleistift für die Korrekturen. Der andere existiert nur auf Bildschirmen, die ich selbst nie eingeschaltet habe – Programme wie MeineRadionik oder das etwas einfacher gehaltene EasyRadionik, von denen ich bislang ausschließlich durch andere gehört habe. Digitale Praxis gegen Papierpraxis: Für die eine Seite kann ich aus eigener Erfahrung sprechen, für die andere kann ich nur wiedergeben, was mir zugetragen wird.

Eine Leserin aus Landshut, Bärbel Osterrieder, hat mir geschrieben, nachdem sie einen früheren Eintrag hier gelesen hatte. Ihre E-Mail war so sauber gegliedert, dass sie fast wie ein Formular wirkte, Absatz für Absatz, jede Frage einzeln durchnummeriert. Sie wollte wissen, ob ich meine Lebenszahl auch rückwirkend für vergangene Jahre berechne, so wie sie es mit einer Software offenbar schon getan hat. Ich musste ihr ehrlich schreiben: Genau das habe ich nie ausprobiert. Meine Lebenszahl kenne ich, meine persönliche Jahreszahl rechne ich mir jedes Jahr neu aus, aber ein Programm, das frühere Jahre automatisch ausrechnet, kann ich weder testen noch aus eigener Erfahrung bewerten.

Ähnlich war es mit einer ehemaligen Kollegin, die mich neulich im Cafe Orphee auf MeineRadionik ansprach. Für sie klang es praktisch, alles automatisiert zu bekommen, ohne selbst zu rechnen. Ich habe ihr gesagt, was ich auch Bärbel geschrieben habe: Ich kann das nicht beurteilen, weil ich es nie benutzt habe. Was ich beurteilen kann, ist das Leinen-Heft vor mir, mit allem, was daran nicht rund läuft.

Was das Leinen-Heft kann – und was ihm entgeht

An einem Sonntag im Frühling hatte meine Tageszahl auf etwas Ruhiges, fast Stilles hingedeutet. Die Woche danach war alles andere als still: ein spontanes Telefonat, ein doppelt gebuchter Termin, ein Montag, an dem ich zweimal umplanen musste. Am Samstag darauf stand ich beim Bauernmarkt am Neupfarrplatz, zwischen Fenchelknollen und Blumeneimern, und musste über mich selbst lachen – die Zahl hatte mir eine Woche versprochen, die so nie eingetroffen ist. Das ist die Schwäche der Papiermethode, die mir kein Programm abnehmen würde: Ich lese die Zahl, ich deute sie, und manchmal deute ich sie einfach falsch.

Größer war die Enttäuschung mit meiner persönlichen Jahreszahl im ersten Jahr der Altersteilzeit. Ich hatte mir eingeredet, diese eine Zahl würde mir zeigen, ob der ganze Übergang gelingt, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich habe zu viel von einer einzelnen Ziffer erwartet, mehr, als eine Zahl jemals halten kann. Als der Herbst kam und nichts von dem eintraf, was ich mir aus der Deutung zusammengereimt hatte, musste ich lernen, die persönliche Jahreszahl kleiner zu denken: als einen Farbton für das Jahr, nicht als Drehbuch. Auch das ist ein Risiko, das eher beim Selberdeuten entsteht als bei einem Programm, das nüchtern nur eine Zahl ausspuckt.

Gibt es Grenzen, die für beide Wege gelten?

Ja, die gibt es. Ein Sonntag Mitte Mai fällt mir dazu besonders ein: Die Nachmittagssonne warf lange Schatten über die Dächer bis zum Dom hinüber, ich saß am Tisch und rechnete eine Zahl nach der anderen, aber keine einzige Deutung in Rosinas Buch passte zu dem, was in meiner Woche tatsächlich passiert war. Es fühlte sich an, als würde ich eine Sprache lesen, die ich eigentlich kenne, ohne dass mir ein einziger Satz davon etwas sagt. Ob ein Programm an diesem Sonntag klüger gewesen wäre, weiß ich nicht, aber ich vermute, dass auch eine Software keine Bedeutung erzeugen kann, wo einfach keine ist. Manche Wochen sind einfach Wochen, ohne Zahl, ohne Muster, ohne Botschaft.

Blick aus dem Fenster in der Regensburger Altstadt auf die Domspitzen im Abendlicht, Sinnbild für einen stillen Zahlen-Code Sonntag ohne Muster

Ich bin keine Ärztin, keine Therapeutin und keine ausgebildete Numerologin, und was ich hier aufschreibe, ist keine Burnout-Prävention im klinischen Sinn, sondern meine eigene, sehr persönliche Erfahrung. Abendliche Spaziergänge nach Elternabenden habe ich damals ausprobiert, in der Hoffnung, das Herzrasen würde sich lösen – es hat nicht geholfen, jedenfalls nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Wer selbst in einer belastenden Phase steckt, findet bei der Hausärztin, einer Beratungsstelle der Krankenkasse oder der Lehrergewerkschaft eher Unterstützung als in einem Leinen-Heft.

Für wen sich welcher Weg eignet

Marianne ruft manchmal noch an und erzählt in einem Atemzug von einer neuen Idee, die sie gerade entdeckt hat – so schnell und begeistert, dass ich zweimal nachfragen muss, um zu verstehen, worum es überhaupt geht. Sie ist so, seit ich sie kenne. Über den Zahlen-Code selbst redet sie inzwischen kaum noch; das Buch war ihr Geschenk, der Weg damit ist längst meiner geworden.

Heute Morgen ist mir beim Frühstück etwas aufgefallen, eher beiläufig als dramatisch: Ich habe kein einziges Mal auf die Uhr geschaut, während ich das Brot geschnitten habe, und das ist mir seit Monaten nicht mehr passiert. Die Dielen hier oben im zweiten Stock knarren morgens noch genauso schräg wie am ersten Tag, aber mein eigener Rhythmus hat sich offenbar verschoben, ohne dass ich es bewusst gemerkt habe.

Für wen sich welcher Weg eignet, kann ich nur aus meiner eigenen, begrenzten Position beurteilen. Wer Zeit hat und das Rechnen selbst mag, wer eine halbe Stunde am Sonntag als Geschenk empfindet und nicht als verlorene Zeit, für den ist Rosina Kaisers Zahlen-Code als Buch zum Selberrechnen genau richtig. Wer dagegen wenig Zeit hat, technisch aufgeschlossen ist und lieber ein fertiges Ergebnis bekommt, als selbst den Bleistift zu führen, für den klingt das, was Bärbel und meine ehemalige Kollegin beschreiben, plausibler – auch wenn ich diese Seite mangels eigener Erfahrung nicht bewerten kann und will. Ich bleibe beim Leinen-Heft, mit allen Rechenfehlern, allen stillen Sonntagen und der Sieben, die ich manchmal zweimal nachzeichnen muss, bis sie stimmt.

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