
Eine Zahl wird zur Heilzahl, nicht bloß zu einer Ziffer wie jede andere. Diese Überlegung geht mir an diesem Sonntagnachmittag im Café Orphée an der Wahlenstraße durch den Kopf, während der Fencheltee neben meinem Leinen-Heft langsam abkühlt. Zahlencode nennt Rosina Kaiser ihr System, und aus dem wöchentlichen Sonntagsritual ist seit meiner Altersteilzeit so etwas wie ein zweiter Anker geworden. Wer in Regensburg das Buch selbst durchgeblättert hat, kennt vermutlich das Kapitel über die sogenannten Heilzahlen und die Gelassenheit, die ihnen nachgesagt wird. Genau dort, glaube ich, liegt der am weitesten verbreitete Irrtum.
Medizinisch war die Sache bei mir eigentlich klar: Der Hausarzt hatte mir während des Burnouts Schlafmittel verschrieben, und die haben nicht einmal den Kloß im Hals angerührt, geschweige denn irgendetwas geheilt. Wenn schon ein Medikament das nicht schafft, fällt es mir schwer zu glauben, dass eine hingeschriebene Zahl das leisten soll, was ihr Name verspricht. Dieser Irrtum begegnet mir öfter, als mir lieb ist, bei Leserinnen, die mir schreiben, und manchmal auch bei mir selbst, an einem müden Sonntag.
Was ist eine Heilzahl im Zahlencode nach Rosina Kaiser?
Wie der Zahlen-Code insgesamt funktioniert und wie meine ersten Monate damit liefen, steht in einem anderen Eintrag dieses Tagebuchs, hier soll es nur um die Heilzahlen darin gehen. Rosina Kaiser ordnet bestimmten Zahlenfolgen eine Art Grundstimmung zu, etwa Ruhe, Loslassen oder Schutz, und genau diese Folgen nennt sie Heilzahlen.
Anders als die Tageszahl, die sich für jeden Tag neu ergibt, oder die Lebenszahl, die aus dem Geburtsdatum entsteht, wirken Heilzahlen eher wie ein kleines Nachschlagewerk für einen bestimmten inneren Zustand. Auch die persönliche Jahreszahl, mit der ich mich im vergangenen Winter viel beschäftigt habe, wird anders berechnet und beschreibt ein ganzes Jahr statt eines einzelnen Gefühls. Wie sich Zahlencode dabei von Human Design oder Tarot unterscheidet, habe ich andernorts einmal gegenübergestellt, hier soll es bei den Zahlen selbst bleiben.
Eine Heilzahl wähle ich meistens passend zu dem, was mich an einem Sonntag beschäftigt, und schreibe sie in mein Leinen-Heft, ohne lange zu überlegen, ob ich sie richtig verstehe. Das Gewicht des aufgeschlagenen Hefts auf meinem linken Unterarm ist dabei fast wichtiger als die Zahl selbst, ein kleiner Anker, während draußen die Wahlenstraße langsam ruhiger wird. Wie sich das Ganze über den Sonntag hinaus im Alltag nutzen lässt, beschreibe ich in meiner Anwendung im Alltag für neue Gelassenheit ausführlicher, an dieser Stelle bleibe ich bei den Heilzahlen selbst.

Der Irrtum, dem ich am häufigsten begegne
Viele lesen das Wort Heilzahl und denken an etwas, das eine Diagnose ersetzt oder einen Erschöpfungszustand einfach wegrechnet, so als könnte man sich aus schwierigen Monaten herausschreiben.
Das ist nicht, was Rosina Kaiser beschreibt, und es ist auch nicht das, was bei mir am Küchentisch passiert. Eine Zahl kann eine Stimmung markieren oder einen Moment der Aufmerksamkeit schaffen, mehr nicht. Für Kolleginnen, die noch mitten im Schulalltag stecken und nach einer Möglichkeit suchen, akuten Stress mit solchen Codes zu begleiten, habe ich an anderer Stelle ausführlicher über Achtsamkeit mit Zahlen-Codes bei Schulstress geschrieben, hier soll es um die ruhigere Sonntagabend-Version davon gehen.
Der Unterschied klingt klein, ist aber entscheidend: Wer eine Heilzahl wie eine Tablette schluckt und eine Wirkung binnen Minuten erwartet, wird enttäuscht und legt das Heft frustriert wieder weg.
Ein Nachmittag im Café Orphée ohne Antwort
Bevor ich losging, klopfte Gertraud Pflüger aus dem ersten Stock kurz an und drückte mir einen Teller Hefezopf in die Hand, ohne ein Wort über den Anlass zu verlieren, wie sie das gelegentlich tut. Ich nahm das Heft trotzdem mit und setzte mich eine halbe Stunde später im Café Orphée an der Wahlenstraße an einen Tisch am Fenster.

An diesem Morgen war ich vor dem Wecker wach geworden, ohne im ersten Moment nachzurechnen, wie viel Schlaf mir fehlte, und genau deshalb wollte ich wissen, ob sich das in einer Heilzahl irgendwie zeigen würde. Doch an diesem Nachmittag kam nichts, kein Gefühl, kein Bild, keine Ahnung, so lange ich auch wartete, und ich musste mir eingestehen, dass dieser Sonntag einfach keine Antwort bereithielt.
Katharina Hummel, deren Tochter ich vor Jahren in der 3b unterrichtet habe, kam kurz an meinen Tisch, weil sie zufällig auch da war, und fragte, wie die Sache mit den Zahlen inzwischen so läuft. Sie erinnert sich noch an jedes Detail vom Klassenfest 2019, mehr als ich selbst, und wir haben zwei, drei Sätze gewechselt, bevor sie weiterzog.
Heilzahlen einordnen, statt sie zu schlucken wie eine Tablette
Zuhause am Küchentisch, zweiter Stock, mit Blick auf den kleinen Steinbrunnen im Hinterhof und die Rückseite der Bäckerei Prantl, knarren die schrägen Dielen morgens immer noch, bevor sonst jemand in der Wohnung wach ist. Rechts vom Herd steht nach wie vor das alte Ringbuch mit den Zeichnungen der Klasse 3b von 2019, aber ich schlage es an solchen Nachmittagen nicht mehr auf, das gehört einem anderen Kapitel meines Lebens. Nach inzwischen gut zwei Jahren mit dem Heft behandle ich eine Heilzahl nicht mehr wie eine Tablette, die sofort wirken muss.

Meine Regel ist inzwischen einfach: Wenn eine Zahl nach ein paar Minuten nichts auslöst, schreibe ich genau das ins Heft, ungeschönt, statt mir hinterher eine Bedeutung zurechtzulegen, nur damit der Nachmittag nicht umsonst war. Das ist, was ich unter Gelassenheit verstehe: nicht das Gefühl, das ich mir wünsche, sondern das, was tatsächlich da ist.
Was am Sonntagabend wirklich für Gelassenheit sorgt
Wie der ganze Sonntag bei mir inzwischen strukturiert ist, mit Fencheltee, Leinen-Heft und einer festen halben Stunde, erzähle ich an anderer Stelle ausführlicher, hier reicht der Hinweis, dass die Heilzahl nur ein Teil davon ist. Ob Papier oder eine App das bessere Medium wäre, ist für mich längst entschieden, aber das ist eine andere Abwägung. Der Perfektionismus, den ich mir in dreiundzwanzig Jahren Schule angewöhnt hatte, meldet sich bei den Zahlen manchmal noch, und ich merke es daran, dass ich ein Heft am liebsten fehlerfrei führen möchte, was bei einer Heilzahl schlicht keinen Sinn ergibt.
Kürzlich hat mich eine ehemalige Kollegin nach Radionik-Software gefragt, nach Namen wie EasyRadionik oder MeineRadionik und nach einem Premium-Videokurs dazu, aber davon habe ich keine Ahnung und kann dazu nichts sagen. Wer Buch und Radionik gegeneinander abwägen will, dem hilft vielleicht eher mein Vergleich zwischen Buch und Radionik als meine Heilzahlen-Notizen.
Am Ende bleibt für mich eine einfache Unterscheidung: Eine Heilzahl heilt nichts, sie hilft mir nur, ehrlich hinzuschauen, was an einem Sonntagabend tatsächlich da ist, ruhig oder nicht. Der Fencheltee ist inzwischen kalt, die Wahlenstraße draußen leerer, und das Heft bleibt heute genau so offen liegen, wie es eben ist.