
Der Fencheltee auf meinem Küchentisch ist wieder zu heiß, das ist bei mir fast immer so. Seit ich mit Rosina Kaisers Zahlen-Code ein eigenes Sonntagsjournal führe, schreiben mir gelegentlich Leserinnen mit denselben paar Fragen zum Perfektionismus, der sich in jede Tageszahl schleicht — ein Rest aus dreiundzwanzig Jahren als Grundschullehrerin und dem Burnout, der mich Anfang 2024 in die Altersteilzeit brachte.
Ein kurzer Hinweis, bevor der Rest kommt: Manche Links hier sind Affiliate-Links, auch der zum Zahlen-Code-Buch. Kaufst du darüber, bekomme ich eine kleine Provision, für dich bleibt der Preis gleich. Ich schreibe nur über das, was wirklich bei mir auf dem Tisch liegt und was ich selbst gelesen habe.
Was ist der innere Kritiker, der meinen Perfektionismus antreibt?
Mehrere Leserinnen haben mir in den letzten Monaten genau das geschrieben: eine innere Stimme, die jede Tageszahl sofort bewerten will, bevor überhaupt Zeit bleibt, sie einfach zu betrachten.
Dieser innere Kritiker ist bei mir keine geheimnisvolle Kraft, sondern ein sehr vertrautes Muster aus dem Klassenzimmer: die Stimme, die eine Schulstunde erst als gelungen zählte, wenn der Tafelanschrieb makellos war und die Geburtstagskarte für ein Kind der 3b von Hand geschrieben. Am Küchentisch meldet er sich genauso; er will die Zahlen-Code-Übung "richtig" abschließen, so wie früher ein Zeugnis.
Was mir hilft, ist nicht, den Kritiker zum Schweigen zu bringen, sondern ihm eine kleinere Rolle zu geben. Der Unterschied ist, dass ich ihn inzwischen erkenne, sobald sich mein Nacken verspannt oder ich den Taschenrechner hole, obwohl das Journal gar keine Rechenaufgabe verlangt.
Ein Beispiel dafür, unspektakulär: Neulich blieb ich mitten auf dem Neupfarrplatz stehen und roch nur das warme Brot aus Prantls Backstube, sonst nichts. Kein Gedankenkarussell, keine Liste im Kopf. Das genügt mir inzwischen als Zeichen, dass der Kritiker gerade Pause hat.

Die Tageszahl ist keine Prüfungsaufgabe
Fast jede zweite Frage, die mich erreicht, dreht sich um genau das: Muss ich die Tageszahl jeden Sonntag richtig berechnen? Meistens schwingt darin schon der alte Perfektionismus mit, eine Sorge, etwas falsch zu machen.
Nein, muss ich nicht, und ich versuche es inzwischen bewusst zu lassen. Wie man bei der Tageszahl überhaupt vorgeht, erkläre ich hier nicht noch einmal, das steht ausführlicher an anderer Stelle. Wichtiger ist mir, was mit der Zahl passiert, sobald sie im Heft steht: ob ich sie als Aufgabe behandle, die ich bestehen muss, oder als Beobachtung, die auch danebenliegen darf.
Früher habe ich Quersummen mehrfach geprüft und Deutungen abgeglichen, bis der Nacken schmerzte, als ginge es um eine Zeugnisnote. Das Zahlen-Code Buch von Rosina Kaiser selbst verlangt das gar nicht; es liest sich eher wie ein ruhiges Gespräch als wie ein Lehrplan, auch wenn mir die einzelnen Deutungen am Anfang stellenweise beliebig vorkamen. Das hat sich mit der Zeit gelegt, ganz ohne Kurs oder Software dafür.
Das Buch kam ursprünglich von Marianne, einer alten Studienfreundin aus Augsburg. Mittlerweile verbringt sie ihre Sonntage lieber im Töpferkurs der dortigen Volkshochschule, schickt mir aber weiterhin unangekündigt bairische Rezepte per Sprachnachricht, oft mitten am Nachmittag.
Was der Zahlen-Code im Alltag wirklich verändert
Bärbel aus Landshut hat mir vor kurzem geschrieben und wollte wissen, wie ich die freie Zeit in der Altersteilzeit überhaupt einteile, ohne dass daraus wieder ein Stundenplan wird.
Genau da liegt für mich der eigentliche Nutzen des Sonntagsjournals — nicht in der einzelnen Zahl, sondern in der Zahlen-Code Anwendung im Alltag, also darin, wie eine Sonntagsbeobachtung noch in einer ganz gewöhnlichen Dienstagvormittagsstunde nachwirkt.
Wenn ich sonntags festhalte, dass eine Zahl für Ruhe steht, überprüfe ich das in der Woche danach nicht wie eine Hypothese. Es bleibt eher im Hintergrund, ein leiser Farbton über den Tagen.
Manche Wochen zeigen überhaupt kein erkennbares Muster, und das gehört inzwischen genauso dazu wie die Wochen, in denen etwas passt.

Software wie MeineRadionik erkunden
Gelegentlich fragen ehemalige Kolleginnen, ob ich mittlerweile mit einer App oder Software arbeite.
Eine von ihnen schwört auf MeineRadionik, um tiefer in technische Auswertungen einzusteigen, eine ganz andere Herangehensweise als mein Leinen-Heft.
Ich habe mir die Seite kurz angeschaut und für meine stillen Sonntage am Küchentisch keine Verwendung dafür gefunden; das ist kein Urteil über das Programm, nur eine ehrliche Grenze meiner eigenen Erfahrung.
Wer den digitalen Weg bevorzugt, findet dort vermutlich eine genauere Ergänzung, ich kann das allerdings nicht aus eigener Praxis beurteilen. Für mich bleibt das Leinen-Heft am Küchentisch die einzige Form, die sich richtig anfühlt.
Struktur halten, ohne sich wieder einzumauern
Wie ich verhindere, dass aus einem freien Sonntagnachmittag wieder ein neuer Stundenplan wird, fragen mich Leserinnen fast so oft wie nach der Zahl selbst.
Eine ehrliche Antwort: auch ich merke, wie leicht aus einem Anker wieder ein Zwang werden kann.
Nach dem Burnout bin ich zuerst abends nach dem Elternabend über die Steinerne Brücke gelaufen, bei Niedrigwasser, in der Hoffnung, dass die Bewegung das Herzrasen abstellt. Über Monate hat sich dadurch kaum etwas verändert, das Herz raste trotzdem, nur eben unterwegs statt am Küchentisch.
Die Struktur in der Altersteilzeit zu halten bedeutet für mich heute etwas anderes: ein festes, aber kleines Ritual, das nicht wächst, nur weil es gerade gut funktioniert.
Sobald ich merke, dass ich das Journal auf weitere Tage ausdehnen will, aus lauter Eifer, nehme ich das als Signal, einen Schritt zurückzugehen, nicht als Erfolg, den ich ausbauen muss.
Lebenszahl und Jahreszahl im Alltag
Ein Leser hat kürzlich präzise gefragt, was der Unterschied zwischen Lebenszahl und Jahreszahl im Alltag eigentlich bedeutet, weil die Begriffe im Buch nah beieinanderliegen.
Ich beantworte solche Fragen nicht als festes Deutungssystem, nur aus der eigenen Erfahrung am Tisch.
Die Lebenszahl bleibt bei mir eher im Hintergrund stehen, wie eine Art Grundton, während die persönliche Jahreszahl näher an der aktuellen Phase liegt, näher an der Altersteilzeit, in der ich gerade stehe.
Für mich als ehemalige Grundschullehrerin, die gelernt hat, in Schuljahren zu denken, fühlt sich die Jahreszahl vertrauter an als die große, feste Lebenszahl.
Beide erklären mir aber nicht, warum ein Dienstag gut läuft und ein Donnerstag nicht; das übernehmen sie nicht, und das erwarte ich auch nicht von ihnen.

Ein kleiner Anker zum Schluss
Zum Schluss taucht oft dieselbe Frage auf: ob sich der Einstieg überhaupt lohnt, wenn man selbst zum Perfektionismus neigt.
Meine Antwort darauf ist inzwischen unspektakulär: Fang klein an, mit einem Heft, einer Tasse Tee und der Bereitschaft, eine Zahl auch mal falsch zu verstehen.
Der Perfektionismus meldet sich trotzdem noch, nur seltener und mit weniger Nachdruck als früher; er hat keinen festen Platz mehr in meiner Wochenplanung, eher den einer gelegentlichen Bemerkung am Rand.
Wenn du selbst als Lehrerin oder in einem ähnlichen Beruf mit hohem Anspruch an dich selbst nach so einem kleinen Anker suchst, kann ich dir das Zahlen-Code Buch von Rosina Kaiser ehrlich empfehlen, nicht als Lösung, eher als ruhiger Begleiter für Sonntage, an denen etwas weniger Kontrolle schon reicht.