
Beim Frühstück habe ich heute nicht ein einziges Mal auf die Uhr geschaut. Das ist neu für mich, sagen wir seit ungefähr acht Wochen, seit ich angefangen habe, die Tageszahl nicht nur sonntags, sondern auch werktags kurz zu notieren. Mein Sonntagsjournal mit Zahlencodes aus Rosina Kaisers Buch war lange ein reines Sonntagnachmittag-Ritual am Küchentisch hier in der Regensburger Altstadt, eine halbe Stunde Achtsamkeit zwischen den zwölf Wochenstunden Unterricht, die von meiner Altersteilzeit übrig geblieben sind, und allem anderen, was so eine Woche mit sich bringt.
Acht Wochen Achtsamkeit im Sonntagsjournal
Ich rechne die Tageszahl inzwischen häufiger als früher, ohne hier im Detail zu erklären, wie genau man dabei vorgeht – das habe ich an anderer Stelle in meinem Journal ausführlicher aufgeschrieben. Vor acht Wochen sah mein Sonntag noch anders aus: Das Leinen-Heft blieb oft bis zum Nachmittag zugeklappt, und ich habe die Woche eher im Rückblick zusammengefasst, als sie wirklich zu begleiten. Was sich seitdem verschoben hat, ist nicht die Zahl selbst, sondern wie oft ich überhaupt hinschaue.

Eine Leserin aus Landshut, Bärbel Osterrieder, hat mir vor ein paar Wochen geschrieben, nach dem dritten Eintrag auf dieser Seite. Sie schreibt selten, aber immer mit vollständigem Datum unter der Mail und ohne einen einzigen Tippfehler, und wollte wissen, ob ich die Lebenszahl auch für vergangene Jahre berechne. Eine klare Antwort hatte ich darauf nicht, meine eigene Lebenszahl reicht mir schon als Übung, und die persönliche Jahreszahl, mit der andere offenbar ein ganzes Jahr durchplanen, probiere ich kaum aus. An den Tagen, an denen ich noch unterrichte, ist der Moment danach, wenn ich die Wohnungstür hinter mir schließe, oft der Übergang, über den ich mehr in Zuhause ankommen nach der Schule durch mein Sonntagsjournal mit Heilzahlen geschrieben habe. Manche Wochen zeigt die Tageszahl ohnehin gar nichts, dann merke ich erst am Mittwoch, dass sich alles ganz anders entwickelt hat, als der Sonntag vermuten ließ.
Was hat vorher nicht geholfen?
Vor der Altersteilzeit, in den letzten beiden Jahren mit vollem Deputat, bin ich nach jedem Elternabend noch abends spazieren gegangen, in der Hoffnung, dass die Bewegung das Herzrasen abbaut. Frische Luft, ein paar Runden, bevor ich ins Bett gegangen bin. Genützt hat es nicht. Das Herz raste trotzdem noch beim Einschlafen und oft auch am nächsten Morgen kurz vor sechs. Erst die Zahlen-Code-Methode, die mir Marianne im Juni 2024 in die Hand gedrückt hat, hat daran überhaupt etwas verschoben, obwohl sie kein Versprechen macht und ich sie auch nicht als eines behandeln will.
Der Samstagmarkt am Neupfarrplatz
Am Samstagvormittag gehe ich oft zum Bauernmarkt am Neupfarrplatz, bevor der Sonntag mit dem Journal beginnt. Das ist keine Meditation und auch kein Ritual mit großen Worten – nur der Markt, die Stände, der Moment, bevor sich die Woche noch einmal Richtung Sonntag dreht. Was der Zahlen-Code jenseits dieses einen Nachmittags im Alltag überhaupt leisten kann, ist für mich weiterhin eine offene Frage, auf die ich keine fertige Antwort habe. Das Sonntagsritual selbst, die halbe Stunde am Küchentisch, ist mir inzwischen wichtiger geworden als die einzelne Zahl, die am Ende dabei herauskommt. Diese Art von Geduld, ein Muster nicht zu erzwingen, wenn es sich nicht zeigen will, habe ich an anderer Stelle ausführlicher beschrieben, in Geduld lernen in der Altersteilzeit durch die Arbeit mit der Tageszahl.
Marianne hat neulich angerufen und nach dem Heft gefragt; sie nennt das Buch immer noch liebevoll-ironisch mein kleines Sonntagswunder, obwohl ich ihr oft genug gesagt habe, dass davon keine Wunder ausgehen, jedenfalls keine im großen Stil. Wir haben aufgelegt, und ich habe mir gedacht, dass genau das reicht: ein Anruf, ein Scherz, kein Programm.

Eine Zahl ist kein Befehl
Der innere Perfektionismus, der mich früher bis in den Burnout getrieben hat, meldet sich manchmal auch bei den Zahlen – darüber habe ich an anderer Stelle ausführlicher geschrieben, hier reicht der Hinweis, dass ich ihn kenne und im Blick behalte. Digital führen könnte ich das Journal wahrscheinlich auch, aber am Papier im Leinen-Heft halte ich fest, weil schon das Umblättern eine kleine Pause ist. Andere Deutungssysteme wie Human Design kenne ich nur aus Gesprächen, nicht aus eigener Erfahrung, und kann sie deshalb auch nicht einordnen.
Eine ehemalige Kollegin hat mir mal erzählt, dass sie zuhause mit einer Radionik-Software arbeitet, EasyRadionik oder MeineRadionik, die Namen verwechsle ich noch, und wohl auch einen Videokurs dazu gemacht hat. Das ist allerdings ein Feld, von dem ich keine Ahnung habe und das ich selbst nicht empfehlen kann. Es erinnert mich manchmal eher an eine Szene aus meinem früheren Unterricht: den abgegriffenen Lappen nehmen und die Tafel wischen, ein klarer Schnitt, bevor die nächste Stunde beginnt.
Wer ich eigentlich bin, jetzt, wo ich nicht mehr jeden Tag vor einer Klasse stehe, ist ein Thema, das mehr Raum braucht, als ein Sonntagnachmittag hergibt, und das ich lieber an anderer Stelle ausbreite. Die eine Lektion, die aus acht Wochen und einem Frühstück ohne Uhrenblick übrigbleibt, ist einfach: Eine Zahl darf einen Nachmittag lang begleiten, aber sie darf nicht bestimmen, ob die Woche gelungen war.