
Die Domglocken brauchen heute länger als sonst, um über die Dächer bis zu mir in den Hinterhof zu fallen, gedämpft, mit einer kleinen Verzögerung, als hätte jemand kurz die Hand auf die Glocke gelegt. Ich sitze am Küchentisch in meiner Wohnung in der Ostengasse, hier in Regensburg, das Leinen-Heft aufgeschlagen, und das mache ich seit jenem Sommer, in dem eine ehemalige Studienfreundin mir Rosina Kaisers Zahlen-Code-Buch in die Hand drückte — kurz nachdem ich als Lehrerin nach einem langen Burnout in die Altersteilzeit gegangen war. Heute will ich wissen, was das Jahr 2026 für mich bereithält: meine persönliche Jahreszahl.

So rechne ich meine persönliche Jahreszahl für 2026 aus
Unverändert ist nur die Rechnung selbst geblieben, seit ich sie zum ersten Mal an diesem Tisch ausprobiert habe: Man addiert Geburtstag und Geburtsmonat zu den Ziffern des gewünschten Jahres und reduziert das Ganze auf eine einstellige Zahl. Bei mir ist das der 14. August. Aus der 1 und der 4 wird die 5, aus dem achten Monat bleibt einfach die 8, und aus dem Jahr 2026 wird durch Quersumme 2 + 0 + 2 + 6 = 10. Zähle ich diese drei Werte zusammen, komme ich auf 5 + 8 + 10 = 23 — und die Quersumme aus 23, also 2 + 3, ergibt am Ende wieder die 5. Es ist eine so schlichte Rechnung, dass ich sie früher wahrscheinlich mit meinen Viertklässlern in einer ruhigen Minute an der Tafel gemacht hätte, ohne zu ahnen, wofür sie mir einmal gut sein würde.
Anders als die Tageszahl, die ich sonntags jeweils nur für den einen Tag notiere, oder die Lebenszahl, die sich nie mehr verändert, gilt diese Jahreszahl immer nur für die zwölf Monate, die vor mir liegen. Das gefällt mir an ihr: Sie zwingt mich, nicht zu weit vorauszudenken, sondern nur ein Jahr weit.
Was die Fünf für eine Frau in der Regensburger Altersteilzeit bedeutet
Im Buch beschreibt Rosina Kaiser die 5 als Zahl der Veränderung, der Beweglichkeit, manchmal auch der Unruhe. Früher wäre mir bei diesem Wort sofort der gelbe Jahresplaner eingefallen, mit den paar rot markierten Ferientagen — das war die ganze Freiheit, die mir damals zustand. Jetzt bedeutet die 5 für mich etwas anderes: dass ich donnerstagnachmittags, nach meinen zwei Unterrichtsstunden, einfach losgehen kann, ohne dass am Ende des Tages ein Stapel Hefte auf mich wartet.
Neulich bin ich zur Würstlküche am Watmarkt gelaufen, habe mich in die Schlange gestellt, ohne eigentlich Hunger zu haben, nur um dem Fluss und den Leuten zuzusehen, die dort in der Nachmittagssonne stehen. Meine Nachbarin Gertraud Pflüger hat mir dieselbe Woche noch einen Teller Hefezopf hochgebracht, ohne einen bestimmten Grund zu nennen — das kommt bei ihr öfter vor, und ich habe irgendwann aufgehört, danach zu fragen.
Dass ich diesen Perfektionismus ablegen konnte, hat deutlich länger gedauert als die Berechnung selbst, aber die 5 in diesem Jahr fühlt sich an wie eine Erlaubnis, weiter daran zu üben. Wer ich eigentlich bin, wenn ich nicht mehr vor einer Klasse stehe, ist ohnehin eine Frage, mit der ich mich an anderer Stelle ausführlicher beschäftigt habe.

Der Zahlen-Code im Vergleich zur Meditations-App
Bevor das Leinen-Heft überhaupt auf dem Tisch lag, hatte ich schon anderes versucht: eine Meditations-App zum Beispiel, für die ich drei Monate lang bezahlt habe und die ich kaum geöffnet habe, weil mir die Stimme aus dem Lautsprecher fremder vorkam als jede Unterrichtsstunde, die ich je gehalten habe. In der fünften Woche, im Sommer 2024, saß ich hier mit der Tageszahl im Heft, und beim Eintragen fiel mir auf, dass der Stift viel leichter in meiner Hand lag als noch Monate zuvor — kein Verkrampfen mehr, kein Drücken, nur eine Zahl auf Papier. Die Jahreszahl kam erst später dazu, aber diese fünfte Woche war der Moment, an dem ich zum ersten Mal dachte, an diesem Ritual könnte etwas dran sein.
Und trotzdem.
Der Zahlen-Code hat mir nichts abgenommen, was die App mir hätte abnehmen sollen, aber er hat mir eine Gewohnheit gegeben, die ich tatsächlich eingehalten habe, und das war am Ende mehr wert als jede Erinnerungs-Benachrichtigung auf dem Handy. Eine ehemalige Kollegin hat mich neulich nach Radionik gefragt, so einer Art Software für zuhause — davon habe ich ehrlich gesagt keine Ahnung und würde sie auch nicht empfehlen, weil ich sie nie selbst benutzt habe.
Eine Woche ohne Berechnung
Nicht jede Woche liefert ein Ergebnis. Letzten Sonntag habe ich das Heft gar nicht aufgeschlagen, weil die Woche einfach nur aus Unterricht, Wäsche und einem Anruf mit einer alten Kollegin bestand, ohne dass irgendeine Zahl dazu etwas Kluges beigetragen hätte. Manchmal frage ich mich, ob es am Ende überhaupt wichtig ist, welches Deutungssystem man wählt — Numerologie, Human Design, was eine Freundin gerade liest —, solange man sich überhaupt die halbe Stunde am Sonntag dafür nimmt.
Ob man das am Handy macht oder mit der Hand ins Leinen-Heft schreibt, habe ich für mich schon vor einiger Zeit entschieden, auch wenn ich weiß, dass andere das anders lösen.
Wie man so eine Zahl dann tatsächlich durch die Woche trägt, im Elterngespräch früher oder beim Einkaufen heute, ist nochmal eine andere Geschichte, die ich lieber an anderer Stelle erzähle. Es geht dabei oft auch darum, alte emotionale Blockaden zu lösen, die sich über die Jahre im Klassenzimmer angesammelt haben. Katharina Hummel, die Mutter aus meiner alten 3b, hat mich neulich auf der Straße erkannt und gleich vom Klassenfest 2019 erzählt, an das sie sich noch in jedem Detail erinnert — ich musste lachen, weil ich selbst längst nicht mehr wusste, wer damals den Kuchen mitgebracht hatte.
Was am Ende bleibt, ist vielleicht einfacher, als jedes Kapitel im Buch es ausdrückt: Eine Zahl kann eine Woche nicht heilen, aber sie kann mich daran erinnern, dass ich mir am Sonntag ein paar ruhige Minuten nehmen darf, ganz ohne dass am Schluss ein Ergebnis stehen muss. Das ist die eine Sache, die das Leinen-Heft mir bisher wirklich beigebracht hat — nicht die Fünf, nicht die Bedeutung von Veränderung, sondern diese paar Minuten selbst.