
Dreiundzwanzig Jahre stecken in drei Umzugskartons, die seit Wochen mitten in meinem Flur stehen, weil ich mich nicht getraut habe, sie zu öffnen. Kopierte Arbeitsblätter, handgeschriebene Sachunterrichts-Entwürfe, ganze Ordner voller Elternabend-Protokolle, alles aus meiner Zeit an der Clermont-Ferrand-Schule, eingelagert, seit ich die Klasse abgegeben habe. Entsorgen und Loslassen klingt in der Theorie einfach, im echten Altersteilzeit-Alltag mit zwölf Wochenstunden ist es das selten.
Kurz vorweg, weil es hierher gehört: Dieser Text beschreibt, was ich an meinem eigenen Tisch erlebt habe, nicht mehr und nicht weniger. Manche Links hier sind Werbelinks. Kaufst du über einen davon das Buch Zahlen-Code, bekomme ich eine kleine Provision, ohne dass sich dein Preis ändert. Ärztin oder Therapeutin bin ich nicht, meine Notizen ersetzen keine medizinische Beratung. Wer unter anhaltendem Stress oder Burnout-Symptomen leidet, sollte das mit dem Hausarzt oder einer Beratungsstelle besprechen.
Meine Zahlen-Code-Erfahrung beginnt mit Kopierstaub
Der Ordner mit der Aufschrift 'Elternabende 2012 bis 2015' roch nach genau dem Kopierstaub, der sich in der Lehrerinnen-Pausenküche über Jahre in jede Ritze gesetzt hat. Kaum hatte ich den Deckel angehoben, meldete sich das helle Pochen in der Schläfe, das ich aus den letzten beiden Dienstjahren zu gut kenne. Ein Stressmanagement-Seminar der Bildungsgewerkschaft habe ich mir damals extra deswegen freigehalten. Es fühlte sich an wie eine weitere Pflichtfortbildung mit Flipchart und Handout, und am Pochen hat es nichts geändert.
Zwölf Wochenstunden unterrichte ich inzwischen, dienstags und donnerstags vormittags, zwei ruhige Fächer ohne Klassenleitung. Trotzdem saß ich vor dem offenen Karton und spürte die alte Last, als wäre ich noch mittendrin. Erst als mir auffiel, dass ich diese Entwürfe für keine 3b mehr brauche, weil ich die Klasse längst abgegeben habe, konnte ich überhaupt weiterblättern.

Tageszahl im Papierchaos: Bedeutung und Grenzen
Helga Wittmann, meine frühere Kollegin aus der Pausenküche, hat mich an einem Donnerstag zwischen zwei Stunden angerufen – sie schreibt selten eine SMS, sie greift lieber gleich zum Hörer – und von einer Software namens MeineRadionik erzählt, die eine Bekannte von ihr benutzt. Ich habe die Seite kurz geöffnet, war von den vielen Menüs überfordert und den Laptop wieder zugeklappt. Das ist nichts für mein Leinen-Heft. Innere Ruhe stärken durch mein Sonntagsjournal in der Regensburger Altstadt heißt für mich, bei genau dieser Technik nicht mitzuhalten.
Also griff ich stattdessen zum Buch und berechnete die Tageszahl für diesen Tag. Es ging um Struktur und Ablösung – kein Zufall, dachte ich, bei drei offenen Kartons auf dem Boden. Statt mich zu fragen, ob ich einen Plan noch brauchen könnte, fragte ich mit Blick auf die Zahl: Dient mir das noch in meinem jetzigen Leben? Für Anfängerinnen in der Numerologie klingt das vielleicht groß, bei mir ist es nur eine einzelne Frage in einem Heft.
Es gibt Sonntage, an denen mir die Tageszahl gar nichts sagt, an denen sie sich anfühlt wie eine leere Hülle neben der Teetasse. Dieser Tag im Frühling war anders: Sie half mir, den Papierwert vom Gefühlswert zu trennen, und die alten Stoffverteilungspläne rutschten mit einem Ausatmen in den Altpapiersack. Woche zehn seit dem Beginn mit dem Zahlen-Code trug ich die Tageszahl ins Leinen-Heft ein und bemerkte, wie leicht der Stift über das Papier lief – ohne das Aufdrücken, mit dem ich im Herbst noch fast jede Zeile in die Seite gestanzt hätte.
Das Ringbuch von 2019 bleibt
Mitten im zweiten Karton lag das Ringbuch mit den Kinderzeichnungen der Klasse 3b von 2019. Ich hielt inne. Das war das Jahr vor dem Herzrasen am frühen Morgen, das Jahr, bevor alles schwer wurde. Der Übergang in die Altersteilzeit ist für mich keine Idee auf Papier geblieben, sondern eine sehr konkrete, körperliche Handlung – dieses Ringbuch in der Hand zu halten und zu entscheiden, was mitkommt und was nicht.
Drei Zeichnungen habe ich behalten und in mein aktuelles Journal gelegt, der Rest durfte gehen. Perfektionismus ablegen als Lehrerin durch mein Sonntagsjournal mit Zahlen-Code bedeutet für mich auch, nicht jedes einzelne Blatt archivieren zu müssen, nur weil es einmal wichtig war.

Platz schaffen im Regal, Platz schaffen im Kopf
Zwei der drei Kartons waren am Ende leer, der dritte wartet noch auf den nächsten Sonntag. Bevor ich überhaupt daran dachte, ihn anzufassen, bin ich runter zur Würstlküche am Watmarkt gelaufen und habe mich kurz in die Schlange gestellt, nicht wegen des Essens, sondern weil zehn Minuten frische Luft mehr gebracht haben als eine weitere Seite im Heft.
Das Buch Zahlen-Code von Rosina Kaiser liegt seitdem griffbereit neben dem Leinen-Heft, kein Ersatz für einen Plan, eher ein kleiner Anker, der mir hilft, Klarheit für die Zukunft zu finden, ohne dass ich jedes alte Blatt dafür aufheben müsste.
Der Sonntagabend fühlt sich zum ersten Mal seit Jahren nicht mehr nach Abschied an, sondern nach dem Anfang einer Woche, vor der ich mich nicht fürchte. Was ich für den nächsten vollen Keller mitnehme, ist keine große Erkenntnis, sondern eine kleine Regel: nicht das ganze Regal an einem Nachmittag räumen wollen, sondern eine einzige Frage stellen – dient mir das noch – und danach wirklich einen Ordner gehen lassen, auch wenn am Ende nur ein Karton leer wird.