
Auf der letzten beschriebenen Seite meines Leinen-Hefts steht eine einzige Ziffer, und darunter nichts. An diesem Sonntag hat mir der Zahlen-Code für die Konzentration keinen Millimeter geholfen, und trotzdem gehört genau diese Seite in einen Text über die Conzentrationsübung am Sonntag. Meine Antwort auf die Frage im Titel lautet: Steigern im Sinne von messbar mehr, das kann ich nicht behaupten. Was ich bekomme, ist eine halbe Stunde, in der ich nur eine einzige Sache tue, und für eine Lehrerin in Altersteilzeit ist das als kleines Sonntagsritual und als leise Achtsamkeitsübung schon eine Menge.
Die Fragen, die mir zu diesem Thema begegnen, gehe ich der Reihe nach durch. Vorweg: Ich bin weder Numerologin noch Heilpraktikerin, sondern eine Lehrerin mit zwölf Wochenstunden, die am Küchentisch in der Ostengasse aufschreibt, was ihr selbst gutgetan hat und was nicht.
Ist der Zahlen-Code am Sonntag eine Conzentrationsübung?
Für mich ja, aber in einem sehr kleinen Sinn. Am Anfang rechne ich die Tageszahl aus, eine Aufgabe, die schon in der ersten Klasse zu schaffen wäre; wie sie zustande kommt, steht in einem eigenen Beitrag. Dann schreibe ich das Ergebnis ins Heft, Ziffer für Ziffer, so langsam, wie ich es den Kindern früher beim Schönschreiben gezeigt habe. Mehr passiert nicht, und gerade das macht es zur Übung: eine Aufgabe, ein Stift, ein Blatt Papier.
Zuerst spüre ich es im Körper. Sobald die erste Ziffer sauber steht, sinken die Schultern ein Stück, wie bei einem Stoffbeutel mit Bastelfilz, den man nach einem langen Schultag endlich abstellt.
Mein Kriterium für eine gelungene halbe Stunde ist schlicht: Die Tageszahl steht im Heft, und ich denke für die Dauer des Schreibens nicht an die Liste für Dienstag. Wandert der Blick zwischendurch zur Rückwand vom Bäcker Prantl oder zieht ein Hauch Brotduft durchs angekippte Fenster herein, lasse ich das zu und kehre zur nächsten Ziffer zurück.
Die Ausgangslage: ein Kopf wie ein Sieb
Dreiundzwanzig Jahre lang war Konzentration für mich kein Thema. Ich konnte einen Elternabend moderieren und im Hinterkopf schon die Mathe-Proben der 3b korrigieren. Seit dem Burnout Ende 2023 ist der Kopf dagegen oft ein Sieb, und die Zerstreutheit legt sich besonders sonntags wie Nebel über meine Pläne für die Woche.
Erste Vorboten gab es früher, als ich es wahrhaben wollte. Im Mai 2018 stand ich vor der Klasse und wusste plötzlich nicht mehr, was ich an die grüne Tafel schreiben wollte. Damals habe ich es dem Schlafmangel zugeschoben; heute vermute ich, dass ich schlicht erschöpft war.
Nicht geholfen haben mir die Schlafmittel vom Hausarzt. Den Kloß im Hals vor den Elternabenden haben sie nicht angegangen, und das schreibe ich ohne Vorwurf, nur als Notiz darüber, was bei mir nicht gegriffen hat. Was jemand einnimmt oder nicht, gehört ins Gespräch mit der Hausärztin oder dem Hausarzt und nicht in ein Küchentisch-Tagebuch.
Als mir eine Studienfreundin das Buch von Rosina Kaiser in die Hand drückte, nannte sie es nichts Großspuriges, nur etwas Kleines für den Sonntag. Genau so klein habe ich es gelassen. Als Lehrerin bin ich darauf trainiert, Dinge logisch zu zerlegen, und mich hat beruhigt, dass ich dafür nichts glauben muss: rechnen, aufschreiben, fertig.

Was mache ich, wenn die Ziffern nichts zeigen?
Dann klappe ich das Heft zu. An dem Sonntag mit der einzelnen Ziffer war mein Kopf bei einer ehemaligen Kollegin, die mir von den neuen Belastungen im Lehrerzimmer erzählt hatte. Ich wollte eine Zahlenfolge für mehr Fokus vor mir sehen und sah stattdessen ihr Gesicht. Kein Muster, kein Ruck, das Leinen-Heft war einfach Papier.
Meine Regel für solche Tage ist einfach: Hängen die Gedanken nach der ersten Ziffer noch woanders, zwinge ich nichts. Früher hätte ich weitergemacht, bis es gepasst hätte, so wie man eine unruhige Klasse mit Strenge in den Griff bekommen will. Heute gehe ich hinaus, laufe am Donauufer in Stadtamhof bis zur Eisernen Brücke und zurück und lasse die leere Seite leer. Eine Methode ist das nicht, nur der Weg, den ich nehme, damit die Seite kein Urteil über mich wird.
Manchmal steht Gertraud Pflüger aus dem ersten Stock, pensionierte Verkäuferin, mit einem Teller Hefezopf vor der Tür, ohne einen Anlass zu nennen. Auch das gehört zu einem Sonntag ohne Muster, und es fehlt dann nichts.

Den Druck aus der Übung nehmen
Verbissene Konzentration funktioniert bei mir nicht, das ist die wichtigste Beobachtung dieser Sonntage. Setze ich mich hin und will den Zahlen-Code als Werkzeug zur Selbstoptimierung nutzen, spüre ich bald einen leichten Druck in den Schläfen. Dann stehe ich innerlich wieder vor der 3b und versuche, Disziplin in einen Raum zu bringen, der eigentlich Ruhe braucht. Bei mir macht gerade der Wille zum Fokus den Wochenstart eher schwerer, und ich vermute, dass es anderen, die aus einer Erschöpfung kommen, ähnlich gehen kann.
Wie ich versuche, besser zu schlafen vor dem Schultag durch das Sonntagsritual mit Zahlen-Code, habe ich getrennt aufgeschrieben, weil es eine andere Frage ist als die nach der Konzentration.
Die Gegenprobe war ein verregneter Vormittag im August, an dem mir die zwölf Wochenstunden wie ein Berg vorkamen. Statt der Tageszahl habe ich die Jahreszahl aufgeschrieben, jede Kurve der Acht, jeden geraden Strich der Eins, ganz ohne Ziel. Das Schönschreiben war die eigentliche Übung, nicht die Zahl, und weil nichts dabei herauskommen musste, blieb der Kopf bei der Sache.
Mein Maßstab ist der Dienstagvormittag
Wenn ich dienstags in die Schule fahre, frage ich mich nicht, ob der Zahlen-Code gewirkt hat. Ich frage mich, ob ich sortierter in den Vormittag gehe und meine Unterlagen einmal durchgehen kann, ohne ständig von vorn anzufangen. Ein Messwert ist das nicht, es ist ein Kriterium aus dem Alltag: Klappt es, war der Sonntag gut genug; hängt die Vorbereitung dagegen wie in Watte, liegt das nicht am Heft, und dann rede ich lieber mit jemandem.
Ein zweites Zeichen ist leiser als jedes Heft: Beim Durchblättern des Ringbuchs mit den Zeichnungen der 3b von 2019, das aufrecht neben dem Herd im Regal steht, ist mir aufgefallen, dass sich in mir nichts mehr sperrte, kein Zusammenzucken, kein Wegblättern, nur ein Schmunzeln über eine Sonne, die größer war als das Haus darunter.
Ob ich es schaffe, die Lehrerrolle abzulegen und im Privatleben anzukommen mit dem Sonntagsjournal, ist eine eigene Frage, und die Antwort wechselt von Sonntag zu Sonntag.
Wenn du dir eine eigene Sonntagsübung suchst, nimm die kleinste Aufgabe, die dir einfällt, gib ihr eine Grenze und erlaube dir, sie ohne Ergebnis zu beenden. Der Zahlen-Code erklärt die Welt nicht, und er löst nicht die Fragen meiner Altersteilzeit. Er gibt mir die halbe Stunde am Sonntagnachmittag zurück, in der ich einfach nur Kerstin bin, die mit Zahlen spielt, während der Fencheltee abkühlt und unten im Hof der Brunnen plätschert.
Ich habe keine medizinische Ausbildung, und dieser Text ersetzt weder einen Besuch beim Hausarzt noch eine Therapie. Bleibt die Zerstreutheit oder belastet sie dich, sind der Hausarzt, ein approbierter Psychotherapeut oder eine Beratungsstelle der Krankenkasse oder der Lehrergewerkschaft die richtigen Adressen.