
Zwei Stufen der Steinernen Brücke liegen heute frei. Jahrelang bin ich über diese Brücke gegangen, ohne die unterste Treppe zur alten Anlegestelle je nass und grau aus dem Wasser ragen zu sehen – aber die Donau führt gerade so wenig, dass genau das jetzt sichtbar wird. Es ist der erste richtig kühle Sonntag im Oktober. Ich bleibe kurz stehen, dann gehe ich weiter zu meinem Küchentisch in der Ostengasse, wo mein Sonntagsritual wartet: Leinen-Heft, Fencheltee, die Frage, welche Zahl mir heute etwas zu sagen hat. Seit ich als Lehrerin in Altersteilzeit mehr Sonntage für mich habe, ist das meine Art, mentale Klarheit zu suchen. Und genau hier taucht ein Missverständnis auf, das mir öfter begegnet, als mir recht ist: dass das, was ich mit den Zahlencodes mache, irgendwie in dieselbe Schublade gehört wie EasyRadionik.
Der Unterschied zwischen EasyRadionik und Zahlen-Code
Die kurze Antwort: nein. Der Zahlen-Code nach Rosina Kaiser ist für mich eine Art Notizpraxis – ich schreibe eine Tageszahl, eine Lebenszahl oder eine persönliche Jahreszahl auf und sitze eine Weile mit dem, was sie mir zeigt oder eben nicht zeigt. Radionik, und damit auch eine Software wie EasyRadionik, beschreibt ein anderes System: Es geht dort um die Idee, Informationsfelder über ein Gerät oder ein Programm zu beeinflussen. So etwas benutze ich nicht. Wer sich entscheiden will, kann sich an einer einfachen Frage orientieren: Willst du selbst mit Stift und Zahl beobachten, dann liegt der Zahlen-Code näher. Willst du ein Werkzeug, das etwas für dich einstellt oder berechnet, ist das die Radionik-Richtung – und dazu kann ich aus eigener Erfahrung nicht viel sagen.
Meine alte Studienfreundin aus Augsburg, Marianne, hat mir vor ein paar Wochen am Telefon ganz aufgeregt von einer radionischen Software erzählt, die eine ehemalige Kollegin ihr gezeigt hatte. Sie redet sowieso schnell, wenn sie eine neue Idee gefunden hat, aber diesmal hat sie sich fast überschlagen. Ob ich das auch mache, mit meinen Sonntagszahlen, wollte sie wissen. Ich musste lachen, weil ich selbst nicht genau weiß, wie so eine Software überhaupt aussieht. Marianne ist diejenige, die mir im Juni 2024 das Buch von Rosina Kaiser in die Hand gedrückt hat, mit den Worten, es sei etwas Kleines für den Sonntag. Von Radionik hat sie damals nichts erzählt. Jetzt, über eine ehemalige Kollegin, ist sie selbst darauf gestoßen – und hat in ihrem Kopf offenbar beides zusammengelegt, weil beides irgendwie mit Zahlen und Systemen zu tun hat.
Was Radionik im Kern beschreibt, lässt sich leicht nachlesen; Radionik beschäftigt sich mit der Idee, Felder oder Schwingungen über ein Instrument zu beeinflussen. Für mich bleibt das ein fremdes Feld, über das ich nichts Fundiertes sagen kann und auch nicht sagen will. Meine ehemaligen Kolleginnen, die noch im Schuldienst stecken, fragen mich manchmal, ob ich jetzt auch solche Programme ausprobiere, weil ich ja sowieso mit Zahlen arbeite. Nein, sage ich dann, ich bleibe bei Papier und Stift.

Mein Küchentisch statt fremder Software
An meinem Tisch sieht die Sache deutlich unspektakulärer aus als alles, was Marianne mir am Telefon beschrieben hat. Ich nehme mein Leinen-Heft, schlage es neben der schiefen Lavendelvase auf und schreibe die Tageszahl in ruhigen, einzelnen Ziffern auf das Papier. Der Wasserkocher gibt irgendwann ein kurzes Klicken von sich, kurz bevor er sich selbst abschaltet, fast wie ein kleines Räuspern, und meistens ist das der Moment, an dem ich merke, dass ich wirklich angekommen bin und nicht nur so tue. Seit über zwei Jahren mache ich das jetzt, in der Regel jeden Sonntag. Manchmal zeigt mir die Zahl etwas, das zu meiner Woche passt. Oft zeigt sie mir auch nichts, und ich sitze einfach eine Weile mit einer Ziffer auf dem Papier, ohne dass sich ein Muster einstellt. Das gehört für mich genauso dazu wie die Sonntage, an denen es passt.
Durch das schräge Altbaufenster sehe ich den kleinen Steinbrunnen im Hof und dahinter die Rückwand vom Bäcker Prantl, an der der Verputz an einer Stelle schon abblättert. Dass sich mein persönliches Wachstum in der Altersteilzeit mit meinem Sonntagsjournal fördern lässt, merke ich gerade an solchen kleinen Unterscheidungen – nicht am Sammeln neuer Systeme, sondern am genauen Hinschauen auf das, was ich schon habe. Ein Sonntagsritual braucht offenbar keine komplizierte Software, um zu wirken.

Was vorher nicht funktioniert hat
Bevor es den Zahlen-Code für mich gab, habe ich andere Dinge versucht gegen das Herzrasen, das mich morgens vor sechs wachgehalten hat. Nach Elternabenden bin ich oft noch spät abends draußen spazieren gegangen, in der Hoffnung, die Anspannung einfach aus den Beinen zu laufen. Es hat nicht geholfen; das Herzrasen war am nächsten Morgen trotzdem da, nur mit müden Beinen dazu. Heute versuche ich öfter, das Gefühl vom Kloß im Hals psychisch zu lösen durch mein Sonntagsjournaling, statt es mit Bewegung allein wegzudrücken. Ich erzähle das nicht, um Spaziergänge schlechtzumachen, sondern weil es zeigt, dass nicht jede vernünftige Idee für jeden Menschen die richtige Idee ist – das gilt für Radionik-Programme genauso wie für Abendspaziergänge nach einem anstrengenden Tag.
Rechts vom Herd steht noch das alte Ringbuch mit den Zeichnungen meiner früheren Klasse 3b aus dem Jahr 2019, direkt neben der Lavendelvase. Ich schlage es nicht jeden Sonntag auf, aber es beruhigt mich, dass es dort steht – ein kleiner Beweis, dass ich schon einmal etwas gut zu Ende gebracht habe, auch ohne jedes Detail davon noch zu wissen.

Wenn Leserinnen nachfragen
Vor einigen Wochen hat mir eine Leserin aus Landshut geschrieben, Bärbel Osterrieder, nachdem sie drei meiner Sonntagseinträge gelesen hatte. Ihre E-Mail war so geordnet aufgebaut, dass sie fast wie ein Behördenschreiben wirkte, Punkt für Punkt. Sie wollte wissen, ob ich die Lebenszahl auch für vergangene Jahre berechne, nicht nur für das laufende. Ich habe ihr geantwortet, dass ich das für mich nicht mache; meine persönliche Jahreszahl und meine Lebenszahl beziehe ich auf das Jetzt, nicht auf die Vergangenheit. Die Frage hat mir noch einmal gezeigt, dass selbst innerhalb der Numerologie nicht jede Zahl gleich gelesen wird, von Radionik ganz zu schweigen.
Die Zahl nehmen, das System stehen lassen
Für mich bleibt eine einfache Unterscheidung übrig, die mehr wert ist als jedes Vokabular: Ein Werkzeug wie MeineRadionik oder EasyRadionik verspricht, etwas für dich zu berechnen oder einzustellen. Ein Sonntagsritual mit dem Zahlen-Code verspricht das nicht – es gibt dir lediglich eine Ziffer und die Zeit, mit ihr zu sitzen. Beides kann seinen Platz haben, aber es sind zwei verschiedene Schubladen, und wer sie vermischt, verwechselt dabei ein Gefühl von Ordnung mit einem Gerät, das Ordnung herstellen soll.
Ein paar Tage später bin ich mitten auf dem Neupfarrplatz stehen geblieben, weil mir auffiel, dass in meinem Kopf wirklich nichts anderes war außer dem Brotgeruch, der vom Prantl-Laden über den Platz zog. Keine Liste, keine Sorge, kein Gedanke an ein Programm, das ich installieren oder lernen müsste. Nur der Geruch nach warmem Brot. Das ist für mich inzwischen ein verlässlicheres Zeichen für mentale Klarheit als jede Zahl, die ich mir ausdenken könnte – und dafür braucht es weder EasyRadionik noch eine komplizierte Erklärung, nur die Bereitschaft, einen Sonntag langsam zu nehmen.

Die Donau wird in ein paar Tagen sicher wieder höher stehen, und die zwei Stufen der Steinernen Brücke verschwinden zurück unter Wasser, so wie sie es die meiste Zeit tun. Mentale Klarheit funktioniert bei mir ähnlich: Sie zeigt sich nicht dauerhaft, sondern in Momenten, die ich nicht erzwingen kann. Mein Leinen-Heft bleibt trotzdem jeden Sonntag auf dem Tisch liegen, offen für das, was sich zeigt – und geschlossen für alles, was ich nicht kenne.