
Der Kugelschreiber stockt mitten in der Rundung der Neun, und ich warte, bis die Tinte wieder zieht, bevor ich weiterschreibe. Das Leinenheft liegt aufgeschlagen über meinem linken Unterarm, mit einem Gewicht, das sich inzwischen vertraut anfühlt, schwerer, als ein schmales Heft eigentlich sein dürfte. Es ist der zehnte Sonntag in Folge, an dem ich meine Tageszahl notiere, bevor ich überhaupt anfange, über ihre Bedeutung nachzudenken, mit Fencheltee neben dem Zahlen-Code-Buch und der Nachmittagssonne, die draußen über die Dächer der Regensburger Altstadt wandert. Innere Ruhe war vor zwei Jahren ein fremdes Wort für mich, und ausgerechnet eine Randnotiz über EasyRadionik hat diesen Sonntag noch einmal durcheinandergebracht, bevor ich überhaupt zur dritten Zeile im Heft gekommen bin.
Zwölf Wochenstunden unterrichte ich mittlerweile, immer Dienstag- und Donnerstagvormittag, seit die Altersteilzeit im Januar 2024 bewilligt wurde. An diesem zehnten Sonntag bin ich morgens wach geworden, bevor der Wecker klingelte, und ich habe nicht sofort angefangen, die Stunden bis zum Aufstehen durchzurechnen, so wie früher, als jede verlorene Viertelstunde Schlaf schon am Morgen wie eine Schuld auf der Brust lag. Aufgefallen ist mir das erst beim zweiten Schluck Tee, nicht sofort, eher wie eine Lücke, die ich zuerst gar nicht richtig benennen konnte.
Was sich nach zehn Sonntagen zuerst verändert hat
Nicht jede Woche zeigt etwas so Deutliches. Es gab einen Sonntag im Frühling, an dem ich die Tageszahl aufgeschrieben und rundherum nichts gespürt habe, kein Aha, keine spürbare Ruhe, nur eine Ziffer auf Papier neben kalt gewordenem Tee. Solche Nachmittage gehören dazu, inzwischen rechtfertige ich mich dafür nicht mehr.
Bevor der Zahlen-Code in mein Leben kam, hatte ich es schon einmal mit einem gewöhnlichen Tagebuch versucht, kurz nach der Krankschreibung. Drei Einträge, dann stand es nur noch im Regal, und ich habe es nie wieder aufgeschlagen. Was beim Leinenheft anders läuft, kann ich nicht restlos erklären. Vielleicht ist es die einzelne Ziffer, die weniger Raum für lange Sätze lässt, vielleicht nur eine Gewohnheit, die sich diesmal wirklich eingeschliffen hat.

Die Zahlen als Übergang nutzen, nicht als Fluchtweg
Es klingt paradox, aber wenn ich sonntags versuche, mich komplett treiben zu lassen, ohne jede Struktur, wird der Übergang in die Woche danach schwerer, nicht leichter. Reines Nichtstun hält den Kopf im Wartemodus, als würde er sich schon auf die kommende Schulwoche einstellen, ohne dass ich das will. Die Arbeit mit der Tageszahl, der Lebenszahl oder gelegentlich einer persönlichen Jahreszahl ist eine aktive, aber leise Art, den Kopf zu ordnen, fast wie ein Ablegen der Lehrerrolle, ohne dass ich dabei jede Struktur verliere.
EasyRadionik und mein Sonntag
Marianne, meine alte Studienfreundin aus Augsburg, saß neulich mir gegenüber im Café Orphée an der Wahlenstraße, redete schnell, wie immer, wenn sie gerade etwas Neues entdeckt hat, und erzählte von einer Software namens EasyRadionik, die sie gerade ausprobiert. Ich habe zugehört und meinen Kaffee getrunken, mehr nicht. Was genau Radionik überhaupt ist, habe ich mir danach kurz angelesen, aber ausprobiert habe ich es nie, und empfehlen würde ich es auch niemandem, weil es schlicht nicht mein Gebiet ist.
Sie sprach an diesem Nachmittag auch von MeineRadionik, einer verwandten Software, aber die Namen sind bei mir eher am Rand hängen geblieben, während ich meinen Kaffee umrührte. Mein Sonntag bleibt beim Heft, dem Stift und den zehn Grundziffern, und wenn eine Leserin oder eine ehemalige Kollegin mich nach Radionik fragt, sage ich ehrlich, dass ich davon keine Ahnung habe und es aus gutem Grund nicht selbst betreibe.

Bärbel aus Landshut wollte wissen, ob ich auch für vergangene Jahre rechne
Nach dem dritten Blogeintrag schrieb mir eine Leserin aus Landshut, Bärbel Osterrieder, eine E-Mail, so ordentlich formuliert, dass sie fast wie ein Schreiben vom Amt wirkte. Sie hatte selbst mit ihrer Lebenszahl gearbeitet und wollte wissen, ob ich die Berechnung auch rückwirkend für vergangene Jahre mache. Geantwortet habe ich ihr, dass ich nur von meinem eigenen Sonntag berichte, nicht berate, und dass sie sich bei konkreten Fragen besser an ein Fachbuch oder jemanden hält, der das professionell macht.
Das hilft mir übrigens auch selbst, die emotionale Balance zu finden, die im Alltag mit nur noch zwölf Wochenstunden trotzdem verloren gehen kann, wenn ich sie nicht aktiv pflege. Am Küchentisch in der Ostengasse gibt es nur die zehn Grundziffern und mich, keine Pausenglocke, kein Stundenplan.

Die eine Lehre, die ich aus zehn Sonntagen mitnehme
Was ich für andere daraus mitnehmen würde, ist nicht besonders spektakulär: nicht auf das große Gefühl warten, sondern auf die kleine, wiederkehrende Geste setzen, selbst in einer Woche, in der die Tageszahl gar nichts zeigt. Zehn Sonntage sind kein Beweis für irgendetwas, nur ein Muster, das sich langsam eingeschliffen hat, ähnlich wie eine Schreibübung, die man früher einer dritten Klasse beigebracht hat, bis die Hand von selbst wusste, wo sie ansetzen muss.
Am Sonntagabend schließe ich das Heft, lege den Stift daneben und gehe ins Bett ohne das Herzrasen, das ich früher schon am Nachmittag gespürt habe, wenn ich an den Montag dachte.