
Die Ziffer Sieben ist erst zur Hälfte geschrieben, als mir auffällt, dass ich seit dem ersten Strich nicht ein einziges Mal auf die Uhr geschaut habe. Kein Blick zum Fenster, kein Gedanke an die Einkaufsliste, nur der Stift und das Leinen-Heft auf dem Küchentisch in der Ostengasse. Genau dieses Verschwinden der Zeit suche ich, wenn ich an einem freien Vormittag mit meinem kleinen Konzentrationstraining beginne – ein Stück Zahlencode-Praxis, das in meinem Altersteilzeit-Alltag mitten in der Regensburger Altstadt inzwischen seinen festen Platz hat.
Auffällig ist dabei vor allem der Unterschied zu den zwei Vormittagen, an denen ich noch unterrichte. Dienstag und Donnerstag stehen zwei ruhigere Fächer auf dem Plan, und schon die Aussicht darauf gibt dem restlichen Vormittag eine Richtung. An den anderen Tagen – Montag, Mittwoch, Freitag – fehlt dieser äußere Takt vollständig. Niemand läutet eine Schulstunde ein, niemand erwartet mich zu einer bestimmten Uhrzeit. Und ausgerechnet das macht die Konzentration, die früher einfach da war, zu einer eigenen kleinen Aufgabe.
Konzentration an freien Vormittagen: warum sie schwerer wird, nicht leichter
Über Konzentration und den Zahlen-Code habe ich an anderer Stelle in diesem Blog schon ausführlicher geschrieben, über die Sonntage mit der Tageszahl und das, was sich dort über die Zeit eingespielt hat. Hier geht es um etwas Kleineres: um die Vormittage, an denen keine Schulstunde mehr den Rahmen vorgibt und die Aufmerksamkeit ohne jede äußere Grenze einfach auseinanderläuft. Das ist etwas anderes als ein ruhiger Sonntagnachmittag mit Tee und Ritual, aber es bleibt dieselbe Regensburg-Altstadt, derselbe Küchentisch, nur ein anderer Wochentag.
Bevor ich anfing, mit den Zahlen zu arbeiten, kannte ich die morgendliche Unruhe und das Zahlen-Code Buch vor allem aus den ruhigeren Sonntagsstunden. Dass dieselbe Unruhe auch mitten in der Woche auftauchen kann, an einem komplett freien Vormittag ohne jede Verpflichtung, hat mich zuerst überrascht. Ein Stressmanagement-Seminar meiner Bildungsgewerkschaft hatte ich vorher schon besucht, in der Hoffnung, dort etwas für genau solche Vormittage zu finden. Geholfen hat es nicht. Die Übungen waren solide, die Referentin kompetent, aber das ganze Seminar fühlte sich an wie eine weitere Pflichtfortbildung, die nach Feierabend abzusitzen war, nicht wie etwas, das ich mir selbst mitgebracht hatte. Was mir fehlte, war kein Wissen über Stress, sondern ein eigener kleiner Rahmen für Vormittage, die ganz mir gehörten.

Zwei Vormittage, zwei Taktgeber
Am Dienstag und Donnerstag reicht inzwischen eine einzige Ziffer. Bevor ich aus der Tür gehe, schreibe ich sie kurz und fast beiläufig in das Leinen-Heft – die Unterrichtsstunden danach übernehmen den Rest der Struktur von selbst. Ganz anders läuft es an einem freien Mittwoch. Dort muss die Zahlenreihe die gesamte Arbeit leisten, die sonst der Stundenplan erledigt hat, und ich schreibe dann länger – ein Stück von dem, was ich hier im Blog persönliches Wachstum in der Altersteilzeit nenne, wofür an einem vollen Schulvormittag früher schlicht keine Zeit war. Nicht, weil mehr Zahlen mehr bewirken würden, sondern weil ich mir selbst die Struktur geben muss, die früher von außen kam.
Eine Leserin, Agathe Lindner, selbst pensionierte Lehrerin und ursprünglich aus der Oberpfalz, hat das unter einem älteren Eintrag über die Tageszahl einmal genauso beschrieben, ganz ohne Ausrufezeichen, wie es bei ihr immer ist. Sie mache etwas Ähnliches mit einem eigenen Notizbuch, schrieb sie, weil ein bestimmter Wochentag ohne ihren alten Stundenplan sonst einfach keine Mitte mehr hätte. Zwei Frauen, zwei Hefte, derselbe Grund.
Die Zahl zuerst schreiben wirkt anders als die Zahl danach schreiben
Lange habe ich ausprobiert, in welcher Reihenfolge Schreiben und Gehen am besten funktionieren. Schreibe ich die Zahlenreihe, bevor ich überhaupt aus dem Haus gehe, und laufe erst danach eine Runde zum Domplatz vor dem Dom St. Peter im Herbstlicht, verändert sich auf dem Rückweg etwas, das ich nicht geplant hatte: Der Atem wird tiefer, ohne dass ich bewusst darauf achte, einfach weil der Kopf schon einen Ankerpunkt hat, zu dem er zurückkehren kann. Laufe ich dagegen zuerst und schreibe erst danach, bleibt die Zahlenreihe oft blass. Der Kopf ist dann längst mit dem Einkaufszettel beschäftigt oder mit einem Gedanken, der sich festgesetzt hat, und die Ziffern auf dem Papier wirken wie eine Pflichtübung, die ich noch schnell abhake.

Für mich ist die Reihenfolge inzwischen eine kleine Regel geworden: Auf einem freien Vormittag kommt das Leinen-Heft vor dem Herbstlicht am Domplatz, nicht danach. Das ist keine allgemeine Wahrheit über Zahlen-Code und Konzentration, nur eine Beobachtung aus meinem eigenen Rhythmus, aber genau deshalb schreibe ich sie hier auf.
Den Autopiloten an freien Vormittagen erkennen
Nicht jeder freie Vormittag funktioniert nach diesem Muster. Es gibt Mittwoche, an denen ich die Zahlen einfach nur hinschreibe, mechanisch, während der Kopf längst beim Mittagessen ist. Ständiges Wiederholen derselben Übung kann die Konzentration paradoxerweise sogar mindern, wenn das Schreiben selbst zur Routine wird und ein Autopilot den Stift führt, ohne dass noch jemand wirklich hinschaut. Konzentration entsteht nicht, weil eine Geste wiederholt wird, sondern weil dieser Geste noch echte Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Wenn ich das bei mir bemerke, lege ich das Heft weg, statt mich durchzuzwingen. Eine Pause ist an solchen Vormittagen ehrlicher als ein weiterer Satz Ziffern, der ohnehin nicht ankommt. Manchmal hilft es dann mehr, am nächsten freien Vormittag einfach eine einzelne Zahl aus der Heilzahlen nach Rosina Kaiser Liste auszuwählen, statt wieder die ganze Reihe durchzuziehen.
Was am Dienstagmorgen reicht, scheitert am freien Mittwoch
Helga Wittmann, mit der ich mir in der alten Lehrerinnen-Pausenküche jahrelang den Wasserkocher auf Sparstufe geteilt habe und die inzwischen selbst in reduzierter Arbeitszeit ist, ruft mich wegen solcher Fragen gern an – SMS beantwortet sie sowieso kaum. Neulich wollte sie wissen, ob eine einzelne Ziffer am freien Vormittag überhaupt reicht oder ob es mehr braucht. Meine Antwort war dieselbe wie oben: Eine Ziffer reicht, wenn danach noch etwas anderes den Rahmen hält, ein Termin, eine Unterrichtsstunde, eine Verabredung. Fehlt dieser Rahmen vollständig, braucht es mehr als eine Ziffer, um den Vormittag zusammenzuhalten. Am Rande erzählte sie noch von einer Bekannten, die sich zusätzlich mit einer Radionik-Software wie MeineRadionik oder EasyRadionik beschäftigt – etwas, wovon ich selbst keine Ahnung habe und das ich auch nicht empfehlen kann, weil es mit meiner eigenen Zahlen-Code-Praxis am Küchentisch nichts zu tun hat.

Am Ende bleibt die Zahlen-Code-Praxis für mich das, was sie immer war: kein Heilsversprechen, kein Allheilmittel, nur ein kleines Werkzeug für bestimmte Vormittage. Es gibt Wochen, in denen das Heft geschlossen bleibt, weil ein freier Vormittag einfach ein freier Vormittag bleiben darf, ohne Ziffern, ohne Programm. Und das ist in Ordnung.
Falls deine Konzentration über längere Zeit nicht zurückkommt oder du dich grundsätzlich erschöpft fühlst, ist das kein Fall für ein Leinen-Heft, sondern für ein Gespräch mit jemandem, der das professionell einordnen kann. Wir Lehrerinnen neigen dazu, alles allein schaffen zu wollen – dabei darf man sich auch Hilfe holen.