
Es ist ein später Sonntagnachmittag im September, und die Sonne wirft lange, weiche Schatten über die Dächer der Ostengasse. Durch das geöffnete Fenster höre ich das leise, stete Plätschern des Steinbrunnens unten im Hinterhof, ein Geräusch, das mich seit meinem Umzug in diese Zweizimmerwohnung immer wieder erdet. Auf meinem Küchentisch steht die Tasse Fencheltee, der Dampf kräuselt sich in der kühler werdenden Luft, und vor mir liegt mein blaues Leinen-Heft. Ich spüre das Gefühl des rauen Leineneinbands unter den Fingerspitzen, während ich fast ehrfürchtig über die erste Seite streiche.
Seit ich im Januar 2024 meine Altersteilzeit angetreten habe, sind diese Stunden am Sonntag mein Anker geworden. Weg von den dreiundzwanzig Dienstjahren an der Clermont-Ferrand-Schule, weg von dem morgendlichen Herzrasen vor sechs Uhr und dem Kloß im Hals, der mich vor jedem Elternabend fast erstickt hat. Ich unterrichte jetzt nur noch zwölf Wochenstunden, meistens dienstags und donnerstags, und habe endlich den Raum, den ich brauchte. Aber das Loslassen der Vergangenheit ist kein einfacher Radiergummi-Vorgang, wie ich ihn früher bei den Rechenfehlern meiner Viertklässler angewandt habe. Es ist eher ein langsames Sortieren, wie das Aufräumen des Bastelschrankes am Ende eines langen Schuljahres.
Das Rechnen mit dem eigenen Leben
Im Juni 2024 gab mir eine alte Studienfreundin aus Augsburg das Buch über den Zahlen-Code von Rosina Kaiser. Zuerst war ich skeptisch — wir Lehrerinnen sind ja oft sehr auf das Greifbare, das Messbare geeicht. Aber sie sagte nur: 'Kerstin, es ist etwas Kleines für den Sonntag, nichts Großspuriges.' Und so saß ich an einem grauen Sonntagnachmittag im Januar zum ersten Mal da und rechnete meine Lebenszahl aus. Es ist eigentlich ganz einfach: Man bildet die Quersumme aus dem vollständigen Geburtsdatum, bis man bei einer Zahl zwischen 1 und 9 ankommt.
In diesem Moment passierte etwas Seltsames. Das vollkommene Verschwinden des Klosses im Hals, sobald die erste Zahl des Tages im Heft notiert ist, hat mich überrascht. Es war, als ob die Zahlen eine Struktur vorgaben, die nichts mit Lehrplänen oder Notenkonferenzen zu tun hatte. Ich begann zu verstehen, dass meine Lebenszahl nicht nur eine Ziffer ist, sondern ein Raster, durch das ich meine Erinnerungen an die Zeit im Schuldienst neu betrachten kann. Es geht nicht darum, die Vergangenheit einfach wegzuschieben, sondern sie an den richtigen Platz im Regal zu stellen.

Ich erinnere mich an einen Moment während der ersten milden Tage im Mai, als ich über ein altes Ringbuch mit Kinderzeichnungen aus dem Jahr 2019 stolperte. Früher hätte mich der Anblick dieser Zeichnungen sofort zurück in den Stress der 3b katapultiert — das Echo der Pausenglocke, der Lärmpegel im Flur. Doch mit der Deutung meiner Lebenszahl im Journal konnte ich diese Jahre anders einordnen. Ich erkannte Muster in meinem Verhalten, die typisch für meine Lebenszahl waren, und plötzlich fühlte sich die Erschöpfung von damals nicht mehr wie ein persönliches Versagen an, sondern wie eine logische Konsequenz aus einer Aufgabe, die ich zwar mit Herz, aber gegen meine eigene Natur erfüllt hatte.
Integration statt Verdrängung
Oft höre ich, dass man die Vergangenheit einfach 'hinter sich lassen' soll, so wie man eine alte Kreidetafel mit einem nassen Lappen abwischt. Aber meine Erfahrung im Sonntagsjournal hat mir etwas anderes gezeigt. Das zwanghafte Loslassen der Vergangenheit blockiert laut Lebenszahl-Deutung oft die notwendige Integration karmischer Lernaufgaben, die für den Übergang in die Altersteilzeit essenziell sind. Wenn ich versuche, die dreiundzwanzig Jahre einfach zu vergessen, nehme ich mir die Chance, die Stärke zu sehen, die in meinem Widerstand gegen das starre System lag.
Es gab Wochen, in denen ich dachte, ich hätte es geschafft. Dann kam ein Donnerstag im Juni, und beim Bäcker Prantl traf ich eine ehemalige Kollegin. Nur ein kurzer Gruß, aber das Herzrasen war sofort wieder da. Am darauffolgenden Sonntag blieb mein Leinen-Heft ungeöffnet. Ich konnte keine Zahlen sehen, ich wollte nicht reflektieren. Diese Woche hat mir keine Muster gezeigt, außer der Erkenntnis, dass Heilung kein linearer Weg ist. Es ist okay, wenn das Heft mal zu bleibt. Ich bin keine Numerologin und keine Heilpraktikerin — ich bin eine Frau, die lernt, sich selbst wieder zuzuhören. Bei echtem Burnout, das habe ich schmerzlich gelernt, hilft kein Buch allein; da braucht es den Hausarzt oder eine gute therapeutische Begleitung. Der Zahlen-Code ist für mich nur das sanfte Licht, das ich in die dunklen Ecken meiner Biographie halte.
Manchmal hilft es auch, sich bewusst zu machen, dass die Lehrerrolle ablegen ein Prozess ist, der weit über die Unterrichtsstunden hinausgeht. Es geht darum, wer ich bin, wenn ich nicht mehr 'Frau Haselbeck' bin, die den Pausenhof beaufsichtigt.

Ein Platz für die 3b im Ringbuch
Letzte Woche, beim Blick in den Hinterhof auf die Rückseite vom Bäcker Prantl, wurde mir etwas klar. Wenn ich meine Lebenszahl deute, dann sehe ich dort auch die Anteile meiner Persönlichkeit, die im Klassenzimmer so wertvoll waren: die Geduld, das vorsichtige Formulieren, die Liebe zum Detail. Diese Dinge gehören zu mir, auch in der Altersteilzeit. Sie müssen nicht 'losgelassen' werden. Was ich loslasse, ist der Druck, diese Gaben in einem System zu verbrennen, das sie nicht mehr nähren konnte.
In meinem Regal steht noch immer die schiefe Lavendelvase vom Bauernmarkt am Neupfarrplatz, die ich mir im Juni gegönnt habe. Sie erinnert mich daran, dass Schönheit oft in der Unvollkommenheit liegt. Wenn ich heute im Journal schreibe, dann ist das keine Arbeit mehr. Es ist ein Gespräch mit der Frau, die ich vor 2001 war, und der Frau, die ich heute, im September 2026, sein darf. Die Zahlen helfen mir, den roten Faden zu sehen, der sich durch die Jahre an der Clermont-Ferrand-Schule bis hierher in die Ostengasse zieht.
Wenn du selbst gerade in einer Phase des Übergangs bist, vielleicht auch in Altersteilzeit oder kurz vor dem Ruhestand, dann versuche nicht, alles Alte krampfhaft wegzuschieben. Nimm dir ein Heft, vielleicht einen Fencheltee, und schau dir deine Zahlen an. Es ist kein Allheilmittel, aber es ist eine Einladung, Frieden zu schließen. Ich habe gelernt, dass ich warum die Lavendelvase und mein Sonntagsjournal mit Heilzahlen so wichtig für mein tägliches Wohlbefinden sind, weil sie mir zeigen, dass ich mehr bin als meine Dienstjahre.
Der Dom-Schatten legt sich nun fast über das ganze Viertel. Ich klappe mein Heft zu. Es ist genug für heute. Die Vergangenheit hat ihren Platz im Ringbuch gefunden, und ich habe meinen Platz hier am Küchentisch. Das ist kein Heilsversprechen, es ist einfach nur ein ruhiger Sonntagabend in Regensburg.