
Sechs Stufen der alten Ufertreppe lagen frei, als ich an einem Donnerstagvormittag zur Steinernen Brücke ging – so wenig Wasser hatte die Donau in diesem Frühling noch nicht gezeigt. Ich blieb stehen und zählte sie, ohne mir das vorgenommen zu haben. Genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen früher und jetzt: Meine Altersteilzeit hat mir Zeit für solche Nebensächlichkeiten gegeben, Zeit, die mir in dreiundzwanzig Jahren Grundschule in Regensburg gefehlt hat. Mein Sonntagsritual mit dem Zahlen-Code ist aus genau dieser neuen Zeit gewachsen – aus den Monaten nach meinem Burnout, in denen mir klar wurde, wie unspektakulär echte Burnout-Prävention aussehen kann: wie eine leere Treppenstufe am Fluss, mehr nicht.
Bevor es weitergeht, kurz die Offenlegung, die zu jedem meiner Sonntagseinträge gehört: In diesem Text stecken Affiliate-Links, also Werbung. Kaufst du über einen davon ein Buch, ändert sich dein Preis nicht, ich bekomme aber eine kleine Provision. Ich schreibe ausschließlich über das, was ich selbst in meinem Leinen-Heft durchgearbeitet habe.
Sonntagsritual und Burnout-Prävention
Eine ehrliche Antwort: nicht die Zahlen selbst, sondern die halbe Stunde, die ich mir dafür freihalte. Als ich Anfang 2024 in Altersteilzeit ging, dachte ich, das Herzrasen und der Kloß im Hals würden von selbst verschwinden, sobald der Stundenplan leichter wird. Das war ein Irrtum. Mein Hausarzt hatte mir irgendwann Schlafmittel verschrieben, und ich habe sie eine Weile genommen – an dem Kloß im Hals vor jedem Elterngespräch hat das nichts geändert, er saß in der nächsten Woche einfach wieder da. Was mir wirklich half, war eher eine Gewohnheit als eine Tablette, und darüber habe ich auch in meinem Text über Herzrasen und Stress lindern geschrieben. Das Buch Zahlen-Code [Mein Sonntagsbegleiter] von Rosina Kaiser kam über eine Studienfreundin aus Augsburg zu mir, mit dem Hinweis, es sei nichts Großspuriges, nur etwas Kleines für den Sonntag.
Struktur war für mich nie das Problem – dreiundzwanzig Jahre Unterricht bringen einem das bei, ob man will oder nicht. Die Frage war eher, wie ich diese Struktur in der Altersteilzeit neu zusammensetze, wenn kein Stundenplan mehr vorgibt, wann Pause ist. Der Zahlen-Code liefert dafür kein Rezept, eher einen Rahmen: eine Tageszahl für den kommenden Dienstag, manchmal eine Lebenszahl, wenn ich Zeit und Lust dazu habe, ganz selten die persönliche Jahreszahl um den Jahreswechsel herum. Rosina Kaiser beschreibt daneben auch sogenannte Heilzahlen, aber das ist ein eigenes Kapitel, das an anderer Stelle auf dieser Seite besser aufgehoben ist als hier in meinem Sonntagseintrag.

Vierte Woche im März, und eine Tageszahl, die mich überraschte
Vier Wochen ist es her, dass mich eine Tageszahl zum ersten Mal richtig überrumpelt hat. Für einen Dienstag hatte ich mit einer ruhigen, beobachtenden Zahl gerechnet, wie so oft in den zwei Fächern, die ich seit der Altersteilzeit noch unterrichte. Stattdessen rief eine ehemalige Kollegin an und erzählte von einer Situation in der alten Schule, die mich tagelang beschäftigt hat – nicht, weil ich etwas hätte ändern können, sondern weil ein altes Verantwortungsgefühl offenbar nicht verschwindet, nur weil der Stundenplan schrumpft.
Wenn der Zahlen-Code das Gedankenkarussell nicht stoppt
Genau hier stößt mein Sonntagsritual an seine Grenze, und das schreibe ich bewusst so direkt hin. Die halbe Stunde mit Leinen-Heft und Fencheltee hat das Gedankenkarussell an diesem Sonntag nicht gestoppt. Ich saß da, rechnete die Zahl aus, schrieb sie auf, und die Gedanken drehten sich weiter um den Anruf, um die alte Schule, um Dinge, die längst nicht mehr meine Aufgabe sind. Kein Satz aus Rosina Kaisers Buch nimmt einem das ab, wenn ein altes Pflichtgefühl gerade laut ist. Geblieben ist eher eine nüchterne Beobachtung: Der Zahlen-Code ist kein Mittel gegen jedes Karussell im Kopf, sondern höchstens ein Ort, an dem ich es zwischendurch aussteigen lassen kann.
Selbstkritisch bin ich in solchen Momenten schnell wieder bei mir selbst gelandet – der Anspruch, dass wenigstens dieses eine Ritual funktionieren muss, ist derselbe alte Anspruch, mit dem ich früher jede Unterrichtsstunde bis ins Detail durchgeplant habe. Genau darüber schreibe ich in dem Text zum Perfektionismus abzulegen ausführlicher, deshalb lasse ich es hier bei diesem einen Satz.

Innehalten an der Steinernen Brücke, ohne etwas zu suchen
Am Mittwoch dieser vierten Woche bin ich über den Neupfarrplatz gelaufen, auf dem Weg zu einem Termin, an den ich mich später kaum noch erinnern konnte, und blieb kurz stehen, weil außer dem Brotgeruch aus der Backstube von Prantl in diesem Moment wirklich nichts anderes an mir zog – keine Gedanken an die Kollegin, kein Karussell, nur dieser eine Geruch.
Meine Nachbarin Gertraud Pflüger, die im ersten Stock wohnt, hat für solche Momente offenbar ein ganz eigenes Gespür – neulich hat sie unten das Kellerfenster geöffnet, genau in dem Moment, als draußen der Regen in der Luft lag, noch bevor ich selbst etwas gerochen habe. Vielleicht ist die Tageszahl für mich nichts anderes als eine Übung für genau diese Art von Aufmerksamkeit, auch wenn sie in vier von fünf Wochen gar nichts Besonderes anzeigt.
Die gleiche Studienfreundin aus Augsburg, die mir das Buch einst in die Hand gedrückt hat, arbeitet inzwischen lieber digital – sie nutzt MeineRadionik für ihre eigenen Auswertungen, manchmal auch die günstigere Variante oder einen der Videokurse dazu, wovon ich keine Ahnung habe und die ich selbst nicht empfehlen kann. Für mich bleibt es beim Papier: das Kratzen des Füllers im Leinen-Heft gehört zum Ritual dazu, nicht nur als Mittel zum Zweck.
Eine ehemalige Schülermutter aus einer früheren dritten Klasse, Katharina Hummel, hat mich vor einiger Zeit gefragt, wie sich der Zahlen-Code eigentlich im Alltag anfühlt, nicht auf dem Papier, sondern zwischen Einkauf und Abendessen. Sie hörte leise zu und wartete jedes Mal, bis ich einen Satz wirklich zu Ende gebracht hatte – eine Geduld, die ich selbst nicht immer aufbringe, weil ich dazu neige, Sätze abzukürzen, wenn sie mir zu privat werden. Ich habe ihr gesagt, dass die Anwendung im Alltag meistens unspektakulär bleibt: eine Tageszahl, die mich daran erinnert, vor einem schwierigen Gespräch einmal durchzuatmen, mehr nicht.

Eine Lehre, die größer ist als jede einzelne Woche
Was ich aus diesen vier Wochen mitnehme, ist eigentlich ganz einfach: Eine Zahl erklärt nie die ganze Woche, aber sie gibt mir jedes Mal einen Anlass, überhaupt hinzuschauen. Wer selbst Lust hat, die Tageszahl zu berechnen, findet dafür an anderer Stelle auf dieser Seite eine genauere Anleitung – mir ging es hier nur darum, wie sich das in einer ganz normalen Regensburger Woche anfühlt, mit allem, was nicht funktioniert hat, und dem Wenigen, das doch hängen geblieben ist.
Numerologie ist dabei nur einer von mehreren Wegen, mit denen Frauen in meinem Alter gerade ihre eigene Geschichte neu ordnen – Human Design oder Tarot kenne ich nur vom Hörensagen ehemaliger Kolleginnen und kann dazu nichts Fundiertes sagen. Wer nach dem Lehrerberuf noch einmal herausfinden muss, wer sie eigentlich ist, wenn keine Klasse mehr wartet, sollte sich meiner Erfahrung nach nicht auf eine einzige Methode versteifen. Für mich war und ist es das Buch Zahlen-Code [Mein Sonntagsbegleiter] von Rosina Kaiser, zusammen mit einer halben Stunde, die mir niemand außer mir selbst wegnehmen kann. Es muss bei dir kein Buch und keine Zahl sein – aber eine feste halbe Stunde am Sonntag, in der du wirklich nur bei dir bist, kann ich nach diesen vier Wochen mit wachsendem Vertrauen weitergeben.